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Ist Deutschland bereit fürs Lesen?

Am 15. März gab es auf der Leipziger Buchmesse eine Podiumsdiskussion zum Thema “Lesen im 21. Jahrhundert – Ist Deutschland bereit?”

Eingeladen hatte der Bundeskongress Kinderbuch, der Zusammenschluss professioneller deutschsprachiger Kinderbuchautor*innen. Gekommen waren mehr als 200 Besucher. Auf dem Podium saßen Vertreter aus Buchhandel, Verlagen, Politik, Forschung und Lehre, sowie eine Autorin und ein Autor. Moderiert wurde die Veranstaltung von dem Journalisten René Wagner.

Foto: Irene Margil

Anlass war zum einen das Ergebnis der IGLU-Studie 2016, wonach es über die letzten Jahre einen dramatischen Anstieg an Nichtlesern auf 20 Prozent gab. Zum anderen gibt aber auch die besorgniserregende Zahl von 7,5 Mio funktionalen Analphabeten in Deutschland. Damit sind Menschen gemeint, die nicht flüssig lesen und schreiben können.

Es gibt mehr Konkurrenz zum Buch

Die Diskussion eröffnete Dr. Jana Mikota von der Universität Siegen, die über Veränderungen seit den 90er Jahren berichtete: „Wir haben heute deutlich mehr Medien, die sich an Kinder richten. Mehr Filme für Kinder, mehr Serien und YouTube.“ Dadurch würde ein großer Teil der Zeit der Kinder in Anspruch genommen. Die Geschichten würden heute durch diese Medien viel spannender präsentiert, es gäbe aber auch deutlich mehr Unterhaltungsliteratur. „Es gab schon immer Vielleser und Wenigleser. Wichtig ist, dass eine stabile Lesehaltung aufgebaut wird und die Kinder die Schlüsselkompetenz des Lesens erlangen.“ Insgesamt führt das große Medienangebot dazu, dass das Lesen ständig damit konkurrieren muss. Das geht so weit, dass Kinder die Lektüre unterbrechen, wenn ihr Smartphone ein neues Video ihres Lieblings-YouTubers meldet. Esther Hoffmann vom FBJ Fischer-Verlag brachte es auf den Punkt: „Die große Frage ist, wie kann das Buch wieder in Konkurrenz treten zu den anderen Medien?“

Wann sollen Kinder überhaupt lesen?

Diese Frage stellte Kinderbuchautor Andreas Schlüter, der von seinen Lesereisen berichtete. Er beklagte, Kinder seien oft den ganzen Tag in der Schule und hätten dort keine Ruheräume. „Wir müssen als Gesellschaft Schule mehr vom Kind her denken“, forderte er und fand damit Zustimmung bei Buchhändlerin Wiebke Schleser von der Kinderbuchhandlung Buchsegler in Berlin. Sie würde sich wünschen, dass Kinder mehr Zeit und Lust und Muße hätten. Die Leipziger Stadträtin Jessica Heller hielt es für wichtig, Leseangebote in das Nachmittagsprogramm der Ganztagsschulen zu integrieren und hierzu Ruheräume zu schaffen.

Braucht es nur das richtige Buch?

Bestsellerautorin Alice Pantermüller berichtete, sie bekomme viele Rückmeldungen auf ihre Comicromanreihe „Mein Lotta-Leben“ von Eltern, die ihr schreiben, dadurch seien ihre Kinder zum Lesen gekommen. Das sei aber kein Allheilmittel und die richtigen Bücher seien nur eine Voraussetzung. Sie gab zu bedenken, diese müssten auch den Weg zu den entsprechenden Kindern finden. Als gute Möglichkeit hierzu wurden Kooperationen zwischen Schulen und Büchereien oder Buchhandlungen angesehen, allerdings bedeute das erhebliche Mehrarbeit bei den Lehrern. Diese bekämen ohnehin schon viele Probleme aufgeladen. „Es wäre toll, wenn Kinder bei Klassenlektüren mehrere Bücher zur Auswahl hätten“, forderten Wiebke Schleser und Jana Mikota, aber auch das erfordere viel Vorbereitung durch die Lehrer. Insgesamt wäre es wünschenswert, Lehrer hätten mehr Zeit und die Klassen wären kleiner.

Frühförderung zahlt sich aus

Wiebke Schleser berichtete von ihrer engen Zusammenarbeit mit den Kitas in ihrem Berliner Viertel, in dem sie die Lesefreude mit Hilfe von Bilderbüchern schon zu den ganz kleinen Kindern bringt. Von mehreren Seiten wurde betont, das Lesenlernen müsse lange vor der Schule anfangen. Kinder sollten möglichst früh an Bücher herangeführt werden. Alice Pantermüller hierzu: „Wenn Kinder nicht vorher schon die Erfahrung gemacht haben, wie toll Bücher sind und wie schön es ist, in andere Welten abzutauchen, dann ist Lesen nur ein anstrengendes, mühsames Schulfach.“ Jana Mikota macht viele Projekte mit Kindern in sozialen Brennpunkten. „Die meisten Eltern wissen, wie wichtig Bildung und Lesen ist und legen auch viel Wert darauf. Es wird oft auf die Eltern geschimpft, aber sie können das Vorlesen oft nicht leisten. Deshalb sehe ich die Schulen und Sozialpädagogen viel stärker in der Pflicht.“

Projekte von Autoren

Während der engagierten Diskussion auf dem Podium wurden im Hintergrund Bilder von sechs verschiedenen Projekten gezeigt, die von Autoren initiiert und durchgeführt wurden. Einzelheiten hierzu können dem ausführlichen Handout zu der Veranstaltung entnommen werden.

Was sind uns Bildung und Kultur wert?

In einem Punkt waren sich alle einig: Wir brauchen ein gesellschaftliches Klima des Lesens und das ist auch eine Aufgabe der Politik. Dazu muss in der gesamten Gesellschaft deutlich gemacht werden, dass Lesen wichtig ist. „Es gibt tausende von kleinen und großen Leseförderaktionen“, betont Andreas Schlüter, „aber es reicht nicht, wenn wir all die tollen Projekte aufzählen und dann sagen, damit haben wir unsere gesellschaftliche Verantwortung erfüllt.“ Vielmehr forderten die Diskussionsteilnehmer in erstaunlicher Einigkeit nach mehr Geld für diese wichtige Aufgabe. Esther Hoffmann hierzu: „Die Politik muss noch mal ganz anders Geld in die Hand nehmen, denn es kann nicht sein, dass unsere Kinder am Ende der Schule nicht richtig lesen und schreiben können.“

Zum Abschluss der Diskussion wies René Wagner auf den jährlich am 16. November stattfindenden Vorlesetag hin, der jedem Interessierten die Möglichkeit biete, selbst Lesepate für einen Tag zu werden.

Das vollständige Handout zu dieser Veranstaltung finden sie hier.

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