Schreiburlaub auf dem Thomeshof

Sei so beschäftigt, deinen Roman zu schreiben, dass du keine Zeit hast, darüber zu schreiben, dass du einen Roman schreibst

Ein Zitat von Ryan Holiday. Ungefähr so geht es mir in den letzten Wochen. Mein neues Buch wird ein Thriller, im August ist Abgabe und diesmal ist die Zeit knapp bemessen. Aber ich wollte es so, wollte ausprobieren wie es läuft, wenn ich unter Zeitdruck schreiben muss. Da kann man schon mal nervös werden, zumal mir immer andere Projekte dazwischenfunken. Vielleicht kennt ihr das, eigentlich solltet ihr an eurem Projekt arbeiten, aber plötzlich drängt sich ein bestimmtes Thema in den Vordergrund und winkt mit einer großen Fahne: TOLLE PROJEKTIDEE! Da will ich wenigstens die mühelos fließenden Ideen kurz aufschreiben und schon bin ich mit den Gedanken im völlig anderen Film. Die Kreativität sprüht, ich frage mich, warum nicht fürs eigentlich wichtige Manuskript. Aber dann vertraue ich doch dem Fluss und ahne, dass mich das irgendwo hinbringen wird, wo ich auch wirklich sein möchte.

Anders die vielen Termine, die von außen bestimmt werden. In der letzten Zeit waren es nicht wenige und auch in den nächsten Wochen wird es einige geben. Wichtige Geburtstage. Das normale Leben. Für Außenstehende ist nicht erkennbar, dass ich gerade an einem Showdown bastle und dafür meinen ganzen Kopf brauche. Und selbst wenn, sie wollen gesehen werden, sich mitteilen, haben Hunger und finden, man könnte doch mal wieder Socken waschen. Die Welt um mich herum bleibt nicht stehen, nur weil ich beschlossen habe auszuprobieren, ob ich unter Druck schreiben kann. Hab ich auch nicht wirklich erwartet.

 

Der Thomeshof

Ein bisschen ist es eine Flucht. Für sechs Tage ist noch was frei, ich reise mit dem Fahrrad an. Nur eine gute Stunde dauert die Fahrt, ich bin also immer noch am Niederrhein. Keine völlig neue Landschaft, die mich verführt, sie zu erkunden. Alles ist mir vertraut, die Pferdekoppeln und Kopfweiden, die Nebelschleier morgens auf Feldern und Wiesen, der Geruch nach Heu und Mist. Es ist Mitte Juni. Hier war ich schon zweimal, habe bei Projekten den Turbo eingeschaltet und mich freigeschrieben. Natürlich klappt es auch diesmal, was soll ich es spannend machen.

Das Leben hier ist einfach, ich habe eine großzügige Schreibstube und darf den Hof und die diversen Sitzmöglichkeiten nutzen. Die Holzdielen knarren, die Pferde wiehern, die beiden Katzen sitzen abwechselnd vor meiner Tür und mauzen. Ich gehe barfuß, wenn ich nicht gerade eine Runde mit dem Fahrrad drehe. Niemand stört sich daran, wenn ich (wie jetzt) mitten in der Nacht aufstehe, Licht anmache und schnell ein paar Wörter in die Tasten haue. Bei “Oma Timmermanns“, in dem nahegelegenen rietgedeckten Gasthof, gibt es auch Bratkatoffeln ohne Speck für mich. Sie kennen mich schon mit meinem Schreibblock und dem obligatorischen grünen Stift.

Ein Zeitungsartikel

Die Welt draußen dreht sich weiter. Wenn ich der Geräuschkulisse fremder Fernseher und ihrer Zuschauer glauben darf, haben wir eine mäßig spannende Fußballweltmeisterschaft. Ich weiß nicht mal, ob die beiden TV-Geräte in meinem Domizil auch funktionieren. Derweil erscheint zuhause ein schönes Zeitungsinterview über mich. Einer der vielen Termine in den letzten Wochen. Prima, denke ich, da brauch ich ja nichts mehr über mein neues Projekt erzählen. Und über mich schon gar nicht. Ich lese meiner Mutter den Artikel am Telefon vor und sie ruft fast schon empört: “Die wissen ja alles über dich!” Nun ja, so ist es zum Glück natürlich nicht.

Fazit

So ein Schreiburlaub ist nicht die pure Entspannung. An den ersten Tagen will ich die Zeit unbedingt ausnutzen und schaffe viel weniger, als ich mir vorgenommen habe. Aber dann wird es leichter, ich nehme es, wie es kommt. Arbeit und Leben verbinden sich wieder zu einer Einheit. Und plötzlich geht was. Zum ersten Mal komme ich in den Luxus, mit einer Katze zu Füßen schreiben zu dürfen. Ich ahne, wie sehr es die vielen Koleginnen und Kollegen inspiriert, die auf Facebook ihre Katzen neben dem Laptop schlafend zeigen.

Am Ende ist der Showdown immer noch nicht geschrieben, aber ich bin ihm gefährlich nahe gekommen. Auch wenn ich mich auf meine Familie freue – ein bisschen traurig bin ich schon, mein Autorenferienleben wieder aufgeben zu müssen.

Als meine Kinder ein China-Loch buddelten

Keine Ruheräume, keine freie Zeit

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich von der Podiumsdiskussion zum Thema „Lesen im 21. Jahrhundert“ auf der Leipziger Buchmesse berichtet. Es gab einige Reaktionen und ausnahmslos alle bezogen sich auf die Frage von Kinderbuchautor Andreas Schlüter, wann und wo Kinder denn heute lesen sollen. Seiner Erfahrung nach seien sie oft den ganzen Tag in der Schule und dort gäbe es keine Ruheräume. Das Thema bewegt also. Auch mich, aber nicht nur wegen des Lesens.

Wann hat es angefangen, dass Kinder ganztags beaufsichtigt waren? Weiterlesen

Ist Deutschland bereit fürs Lesen?

Am 15. März gab es auf der Leipziger Buchmesse eine Podiumsdiskussion zum Thema “Lesen im 21. Jahrhundert – Ist Deutschland bereit?”

Eingeladen hatte der Bundeskongress Kinderbuch, der Zusammenschluss professioneller deutschsprachiger Kinderbuchautor*innen. Gekommen waren mehr als 200 Besucher. Auf dem Podium saßen Vertreter aus Buchhandel, Verlagen, Politik, Forschung und Lehre, sowie eine Autorin und ein Autor. Moderiert wurde die Veranstaltung von dem Journalisten René Wagner.

Foto: Irene Margil

Anlass war zum einen das Ergebnis der IGLU-Studie 2016, wonach es über die letzten Jahre einen dramatischen Anstieg an Nichtlesern auf 20 Prozent gab. Zum anderen gibt aber auch die besorgniserregende Zahl von 7,5 Mio funktionalen Analphabeten in Deutschland. Damit sind Menschen gemeint, die nicht flüssig lesen und schreiben können. Weiterlesen