Schreibwerkstatt 2.0 in Erkelenz

Bildergeschichten schreiben

In der letzten Woche fand zum vierten Mal eine einwöchige Ferienschreibwerkstatt in Erkelenz statt und diesmal ging es um Bildergeschichten und Teamwork. Die Kinder sollten sich in Gruppen zusammenfinden, gemeinsam eine Geschichte entwickeln und sie in Bildern (mit oder ohne Text) erzählen. Die Fotos sollten mit eigenen Handys, Digitalkameras oder Tablets angefertigt werden. Dabei ging es natürlich um den Spaß des Geschichtenerfindens, aber ebenso um den sinnvollen und kreativen Einsatz der eigenen Geräte. Ein bisschen spielte also auch der Umgang mit Medien eine Rolle.

Als wir uns das Konzept ausdachten, stand ein weiterer Gedanke im Raum: Wir wollten die Hemmschwelle für das Format „Schreibwerkstatt“ senken. Viele Kinder möchten zwar Geschichten erzählen, tun sich aber mit dem Schreiben (noch) etwas schwer. Es war also ein Experiment, auf das wir uns da einließen und wir waren sehr gespannt.

Wir, das ist das bewährte Team: Kurt Lehmkuhl, Helmut Wichlatz, René Wagner und ich. Veranstalter ist das Jugendamt der Stadt Erkelenz und dort ist Jugendpflegerin Katharina Lüke für die Ferienangebote zuständig. Sie sorgte für die notwendigen Voraussetzungen und begleitete uns durch die Woche. Gefördert wird das Angebot vom Kulturrucksack NRW.

Montag

Wir sind in der Leonhardskapelle in Erkelenz. 16 Kinder sind angemeldet, vier Stellwände und ein Flipchart stehen bereit. Nach kurzer Überlegung, welche Art von Geschichten man erzählen könnte, bilden sich schon Gruppen. Halloween steht vor der Tür, die Ideen für Horror- und Gruselgeschichten sprudeln nur so. Wir schauen nicht schlecht, als ein Junge uns sein bevorzugtes Genre vorstellt: „Creepypasta“. Den Begriff kennt keiner, aber spontan nennen wir die Gruppe „Bunte Nudeln“. Erwartungsgemäß wird unser Vorschlag für eine Liebesgeschichte ignoriert, doch wir haben noch einen Joker im Ärmel: Wir dürfen Fotos in einer Schule machen, was natürlich in den Ferien für viele Kinder richtig spannend ist. Die vier Gruppen entwickeln in unglaublich kurzer Zeit Ideen für ihre Geschichten, erstellen Besetzungslisten und Storyboards. Der Spruch des Tages: „Appe Arme gibt’s bei Tedi.“ Ich ahne also Schreckliches und freue mich darauf.

Dienstag

„Appe Arme“ waren bei Tedi ausverkauft, aber das hindert junge Kreative natürlich nicht daran, trotzdem ihre Geschichtenidee umzusetzen. Michelle* hat einfach selbst einen Arm gebastelt und mit Kunstblut beschmiert. Diverse Masken und Verkleidungen werden ausgepackt, es wird geschminkt und gebastelt. Maja* hat sogar ein Bild gemalt, das ihre Gruppe für die Geschichte braucht.

Frauenportrait mit Kette

 

 

 

 

 

 

 

Nachdem alle Vorbereitungen getroffen sind, schwärmen wir in den Gruppen in die Stadt aus und machen die ersten Bilder. Ich darf in der Stadtbibliothek eine Bibliothekarin spielen, danach muss die Gruppe mit dem „ägyptischen Schulschatz“ in die Schule. Das Zeitfenster dort ist begrenzt, wir haben eine weitere Gruppe dort. Sie arbeiten an einer gruseligen Schulgeschichte. Aber ich muss weiter, ich begleite die Großen, die teilweise schon zum vierten Mal dabei sind. Sophia* hat sich zum Horrorclown verkleidet, es ist heiß, wir stellen Actionszenen. Ich mache zur Sicherheit ebenfalls Fotos, diese Szenen kann man nicht so einfach wiederholen. Aber ich habe es mit Profis zu tun, meine Bilder werden nicht gebraucht. Zum Schluss stirbt der Horrorclown sehr effektvoll auf dem alten, stillgelegten Friedhof (aber natürlich nicht so ganz ;-)).

Die zehnjährige Leonie* kann sich mit all den Horror-, Grusel- und Abenteuergeschichten nicht anfreunden, sie würde gerne eine Tiergeschichte erzählen. Zudem war sie nicht dabei, als sich die Gruppen am Vortag gefunden haben. Ich bin skeptisch, wo soll man passende Tierbilder herbekommen? Sie ist einen Tag später dran mit ihrer Planung und ganz allein. Aber ich habe die Rechnung nicht mit Leonie* gemacht. Sie setzt sich mit Feuereifer hin und schreibt einen Plan für ihre Geschichte. „Ich bringe einfach meine Stofftiere mit“, verspricht sie und wir sind gespannt auf den nächsten Tag.

Mittwoch

Schock im Foyer der Leonhardskapelle: Michelle* hat sich eine horrormäßige Wunde auf die Wange geschminkt. Sie hat schwarze Knetgummi-Krusten aufgeklebt und mit Kunstblut bemalt. Ihre Gruppe möchte heute ins Erkelenzer Krankenhaus, um dort Fotos zu stellen. Die Gesichter dort hätte ich gerne gesehen, aber ich werde an anderer Stelle gebraucht. Die Horrorclown-Gruppe benötigt noch ein Foto eines Autounfalls, bei dem eines der Mädchen am Steuer sitzen muss. Wir wollen diese Szene mit meinem alten Golf auf dem Schulhof der Hauptschule nachstellen. Und dann ist da noch Leonie*. Sie hat ihre Stofftiere dabei, sie sind zuckersüß. Ihre Geschichte möchte sie in Anlehnung an ihr Lieblingsbuch erzählen: „An der Arche um Acht“ von Ulrich Hub.

Wir fotografieren noch schnell ihren Plan, der anspruchsvolle 22 Bilder vorsieht, und machen uns auf den Weg. Eigentlich brauchen wir eine Arche, aber es gibt keine Boote in Erkelenz, auch nicht als Spielgerät auf Spielplätzen. Die Zeit drängt, wir entschließen uns einfach, eine blaue Bank zu nehmen. Während die großen Mädchen ihr Autounfall-Foto stellen, mache ich mit Leonie* die Fotos von ihren Kuscheltieren. Sie hat sich für einen Comic-Style entschieden, den wir mit einer App auf dem IPad leicht erzeugen können. Die ersten Testfotos sind großartig und wir haben schaffen es tatsächlich, ihre geplanten 22 Bilder zu machen. Am Ende des Tages ist nicht mal Zeit für einen richtigen Stuhlkreis in der Leonhardkapelle. Dabei hätte ich so gerne gehört, was im Krankenhaus los war.

Donnerstag

Alle Bilder sind gemacht, heute muss eine Auswahl getroffen werden. Das ist gar nicht so einfach, die Geschichten sollen kurz und knackig sein. Auch die Texte dürfen nicht zu lang sein. Einige Kinder wollen Textkästen und/oder Sprechblasen einfügen, andere möchten ihren Text zu den Bildern bei der Präsentation am Freitag vortragen. In der Leonhardskapelle sind vier Rechner aufgebaut, wir Betreuer basteln an den Bildern, während die Kinder hinter uns stehen und uns erklären, wie und wo der Text eingefügt werden muss. Diejenigen, die gerade keinen Platz am Rechner haben, erzählen von ihren Erlebnissen der beiden letzten Tage und zeigen stolz ihre Fotos. Überall leuchtende Gesichter. Die Kinder sind heiß darauf, ihre Geschichte am nächsten Tag vor den Eltern und Freunden zu präsentieren.

Freitag

14:00 Uhr und erst zwei Geschichten sind fertig. Um 16:00 Uhr kommen die Eltern, die Bestuhlung in der Leonhardskapelle ist schon auf die Bühne ausgerichtet, der Beamer ist aufgestellt. Bei den vorherigen Schreibwerkstätten hatten immer wir ausgiebig Zeit, die Kinder auf die Präsentation vorzubereiten, aber heute muss es ohne gehen. Bis 15:55 Uhr sind wir damit beschäftigt, die Bildergeschichten am Rechner fertigzustellen. Die ersten Eltern sitzen schon auf ihren Plätzen, als ich die SD-Karte mit der finalen Fassung der letzten Geschichte an René weiterreiche. Wir Betreuer improvisieren bei der Präsentation, wir sind ein eingespieltes Team, aber die Kinder überraschen mich wieder einmal. Sie haben sich selbst organisiert und präsentieren ihre Geschichten wie echte Profis. Alle haben Text, jeder kommt zum Zug, die Wechsel funktionieren problemlos, die Lacher kommen an der richtigen Stelle – es ist wie Zauberei. Und überhaupt, die Geschichten! Insgesamt sind in der Woche sechs Bildergeschichten entstanden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Eine Liebesgeschichte ist auch dabei, die Gruppe mit der gruseligen Mäuse-Schulgeschichte hat sich noch eine zweite Story mit ihren Mäusen ausgedacht.

Passend zu ihren Themen haben die Gruppen sich für realistische oder Comic-Bilder entschieden. Natürlich berichten die Kinder auch von ihren Erlebnissen. Der Horrorclown hat kleine Jungs erschreckt und im Krankenhaus waren die vorbeieilenden Ärzte immer kurz davor, die scheinbar verletzte Michelle* anzusprechen. Es hat den Kindern Spaß gemacht, in ihrer Heimatstadt für ein bisschen Aufregung zu sorgen. Nach einer Stunde ist alles vorbei, die Kinder verabschieden sich und ziehen mit ihren Familien davon.

Nachlese

Wir machen im Anschluss mit Katharina Lüke noch ein bisschen Nachlese und sind uns einig, dass es eine sehr gelungene Projektwoche war. Vor allem hat es unglaublich viel Spaß gemacht. Plötzlich fällt uns auf, dass wir die Urkunde vergessen haben. Autsch! Aber die Kinder werden bald Post vom Jugendamt bekommen. Wir erstellen jedes Mal eine Broschüre, in der alle Geschichten enthalten sind und da können wir die Urkunde mitverschicken. Puh, gerettet. Wir schwärmen noch ein bisschen von der Gruppendynamik, die nicht nur in den Kleingruppen super funktioniert hat. Die gesamte Gruppe hat toll zusammen gearbeitet, sich gegenseitig unterstützt und Feedback gegeben. Aber uns fällt auch auf, dass es ganz schön anstrengend war. Während wir in den bisherigen Schreibwerkstätten manchmal Zeiten hatten, in denen sich die Kinder still zum Schreiben zurückzogen, waren wir diesmal in jeder Minute gefordert und haben auch über die eigentliche Zeit hinaus zuhause Bilder bearbeitet. Aber es hat sich gelohnt, alle haben viel aus der Woche mitgenommen. Ich selbst bin übrigens gerade im Comic-Wahn. Aber das ist ein anderes Thema und wenn es jemals zu etwas führen sollte, werde ich hier natürlich darüber berichten.

*alle Kindernamen geändert

Schreiburlaub auf dem Thomeshof

Sei so beschäftigt, deinen Roman zu schreiben, dass du keine Zeit hast, darüber zu schreiben, dass du einen Roman schreibst

Ein Zitat von Ryan Holiday. Ungefähr so geht es mir in den letzten Wochen. Mein neues Buch wird ein Thriller, im August ist Abgabe und diesmal ist die Zeit knapp bemessen. Aber ich wollte es so, wollte ausprobieren wie es läuft, wenn ich unter Zeitdruck schreiben muss. Da kann man schon mal nervös werden, zumal mir immer andere Projekte dazwischenfunken. Vielleicht kennt ihr das, eigentlich solltet ihr an eurem Projekt arbeiten, aber plötzlich drängt sich ein bestimmtes Thema in den Vordergrund und winkt mit einer großen Fahne: TOLLE PROJEKTIDEE! Da will ich wenigstens die mühelos fließenden Ideen kurz aufschreiben und schon bin ich mit den Gedanken im völlig anderen Film. Die Kreativität sprüht, ich frage mich, warum nicht fürs eigentlich wichtige Manuskript. Aber dann vertraue ich doch dem Fluss und ahne, dass mich das irgendwo hinbringen wird, wo ich auch wirklich sein möchte.

Anders die vielen Termine, die von außen bestimmt werden. In der letzten Zeit waren es nicht wenige und auch in den nächsten Wochen wird es einige geben. Wichtige Geburtstage. Das normale Leben. Für Außenstehende ist nicht erkennbar, dass ich gerade an einem Showdown bastle und dafür meinen ganzen Kopf brauche. Und selbst wenn, sie wollen gesehen werden, sich mitteilen, haben Hunger und finden, man könnte doch mal wieder Socken waschen. Die Welt um mich herum bleibt nicht stehen, nur weil ich beschlossen habe auszuprobieren, ob ich unter Druck schreiben kann. Hab ich auch nicht wirklich erwartet.

 

Der Thomeshof

Ein bisschen ist es eine Flucht. Für sechs Tage ist noch was frei, ich reise mit dem Fahrrad an. Nur eine gute Stunde dauert die Fahrt, ich bin also immer noch am Niederrhein. Keine völlig neue Landschaft, die mich verführt, sie zu erkunden. Alles ist mir vertraut, die Pferdekoppeln und Kopfweiden, die Nebelschleier morgens auf Feldern und Wiesen, der Geruch nach Heu und Mist. Es ist Mitte Juni. Hier war ich schon zweimal, habe bei Projekten den Turbo eingeschaltet und mich freigeschrieben. Natürlich klappt es auch diesmal, was soll ich es spannend machen.

Das Leben hier ist einfach, ich habe eine großzügige Schreibstube und darf den Hof und die diversen Sitzmöglichkeiten nutzen. Die Holzdielen knarren, die Pferde wiehern, die beiden Katzen sitzen abwechselnd vor meiner Tür und mauzen. Ich gehe barfuß, wenn ich nicht gerade eine Runde mit dem Fahrrad drehe. Niemand stört sich daran, wenn ich (wie jetzt) mitten in der Nacht aufstehe, Licht anmache und schnell ein paar Wörter in die Tasten haue. Bei “Oma Timmermanns“, in dem nahegelegenen rietgedeckten Gasthof, gibt es auch Bratkatoffeln ohne Speck für mich. Sie kennen mich schon mit meinem Schreibblock und dem obligatorischen grünen Stift.

Ein Zeitungsartikel

Die Welt draußen dreht sich weiter. Wenn ich der Geräuschkulisse fremder Fernseher und ihrer Zuschauer glauben darf, haben wir eine mäßig spannende Fußballweltmeisterschaft. Ich weiß nicht mal, ob die beiden TV-Geräte in meinem Domizil auch funktionieren. Derweil erscheint zuhause ein schönes Zeitungsinterview über mich. Einer der vielen Termine in den letzten Wochen. Prima, denke ich, da brauch ich ja nichts mehr über mein neues Projekt erzählen. Und über mich schon gar nicht. Ich lese meiner Mutter den Artikel am Telefon vor und sie ruft fast schon empört: “Die wissen ja alles über dich!” Nun ja, so ist es zum Glück natürlich nicht.

Fazit

So ein Schreiburlaub ist nicht die pure Entspannung. An den ersten Tagen will ich die Zeit unbedingt ausnutzen und schaffe viel weniger, als ich mir vorgenommen habe. Aber dann wird es leichter, ich nehme es, wie es kommt. Arbeit und Leben verbinden sich wieder zu einer Einheit. Und plötzlich geht was. Zum ersten Mal komme ich in den Luxus, mit einer Katze zu Füßen schreiben zu dürfen. Ich ahne, wie sehr es die vielen Koleginnen und Kollegen inspiriert, die auf Facebook ihre Katzen neben dem Laptop schlafend zeigen.

Am Ende ist der Showdown immer noch nicht geschrieben, aber ich bin ihm gefährlich nahe gekommen. Auch wenn ich mich auf meine Familie freue – ein bisschen traurig bin ich schon, mein Autorenferienleben wieder aufgeben zu müssen.

Als meine Kinder ein China-Loch buddelten

Keine Ruheräume, keine freie Zeit

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich von der Podiumsdiskussion zum Thema „Lesen im 21. Jahrhundert“ auf der Leipziger Buchmesse berichtet. Es gab einige Reaktionen und ausnahmslos alle bezogen sich auf die Frage von Kinderbuchautor Andreas Schlüter, wann und wo Kinder denn heute lesen sollen. Seiner Erfahrung nach seien sie oft den ganzen Tag in der Schule und dort gäbe es keine Ruheräume. Das Thema bewegt also. Auch mich, aber nicht nur wegen des Lesens.

Wann hat es angefangen, dass Kinder ganztags beaufsichtigt waren? Weiterlesen

Ist Deutschland bereit fürs Lesen?

Am 15. März gab es auf der Leipziger Buchmesse eine Podiumsdiskussion zum Thema “Lesen im 21. Jahrhundert – Ist Deutschland bereit?”

Eingeladen hatte der Bundeskongress Kinderbuch, der Zusammenschluss professioneller deutschsprachiger Kinderbuchautor*innen. Gekommen waren mehr als 200 Besucher. Auf dem Podium saßen Vertreter aus Buchhandel, Verlagen, Politik, Forschung und Lehre, sowie eine Autorin und ein Autor. Moderiert wurde die Veranstaltung von dem Journalisten René Wagner.

Foto: Irene Margil

Anlass war zum einen das Ergebnis der IGLU-Studie 2016, wonach es über die letzten Jahre einen dramatischen Anstieg an Nichtlesern auf 20 Prozent gab. Zum anderen gibt aber auch die besorgniserregende Zahl von 7,5 Mio funktionalen Analphabeten in Deutschland. Damit sind Menschen gemeint, die nicht flüssig lesen und schreiben können. Weiterlesen