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Als meine Kinder ein China-Loch buddelten

Keine Ruheräume, keine freie Zeit

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich von der Podiumsdiskussion zum Thema „Lesen im 21. Jahrhundert“ auf der Leipziger Buchmesse berichtet. Es gab einige Reaktionen und ausnahmslos alle bezogen sich auf die Frage von Kinderbuchautor Andreas Schlüter, wann und wo Kinder denn heute lesen sollen. Seiner Erfahrung nach seien sie oft den ganzen Tag in der Schule und dort gäbe es keine Ruheräume. Das Thema bewegt also. Auch mich, aber nicht nur wegen des Lesens.

Wann hat es angefangen, dass Kinder ganztags beaufsichtigt waren? In meiner Kindheit in der Eifel (zugegeben, ist lange her) gab es lange Nachmittage und verregnete Ferientage, an denen man in einen Sessel gekuschelt in Büchern schmökern konnte. Aber es gab auch die Tage, in denen wir einfach nur durch die Wälder streiften, bis zum Einbruch der Dunkelheit Schlitten fuhren oder in einem Schuppen Hütten und Fahrgeräte bauten. Jede Menge freie Zeit, die wir nach unseren Vorstellungen gestalten konnten. Niemand stand daneben und erklärte uns, wie man einen Hammer richtig hält oder eine Eisbahn präpariert. Manchmal machten wir auch Mist. Ich erinnere mich noch gut an die Schelte, die wir zu Recht bekamen, als wir einmal Kälber zureiten wollten.

Vor zwölf Jahren

Und wie war das bei meinen beiden Söhnen, die heute knapp erwachsen sind? Als sie in die Grundschule gingen, arbeitete ich halbtags. Mein Mann konnte sich seine Zeit als Selbstständiger frei einteilen und so saßen wir jeden Mittag als komplette Familie um den Mittagstisch. Es war diese Zeit, als die Ganztagsbetreuung in den Grundschulen eingeführt wurde. Wenn man an dem Programm teilnahm, sollten die Kinder verpflichtend bis mindestens 15:00 Uhr in der Schule bleiben. Man sagte uns, dafür gäbe es dann auch Sport- und Musikangebote, Hausaufgabenbetreuung und außerdem eine Ersatzfamilie. Hä? Ja, man wisse doch, wie viele Kinder nachmittags allein mit der Chipstüte vor dem Fernseher sitzen würden, hier gäbe es sogar einen Snack. Okay, das war vielleicht eine Einzelmeinung, für uns aber ganz klar einer der Gründe, warum wir uns gegen diese Art von Betreuung entschieden. Ein weiterer Grund: Die Kinder wurden bis zum Abholzeitpunkt eingesperrt. Wenn ich kurz vor drei an der Schule vorbeikam, standen dort Eltern vor verschlossener Tür und warteten darauf, dass ihre Kinder freigelassen wurden. Für mich eine unerträgliche Praxis, Freiheitsberaubung.

Dass wir an diesem System nicht teilnehmen wollten, hatte natürlich Nachteile. Schule war ganz und gar nicht verlässlich, oft musste bei Unterrichtsausfall sehr spontan eine Lösung gefunden werden. Ferien waren eine ganz schwierige Zeit. Aber unser Verzicht auf Ganztagsbetreuung hatte einen riesigen Vorteil: freie Nachmittage!

Keine Zwangsteilnahme an Bildungsangeboten, freie Hausaufgabeneinteilung, keine Sozialkontrolle, Zeit für freies Spielen, Muße, Stille, Rückzugsmöglichkeiten

Im vergangenen Jahr erst habe ich den wilden Garten aufgegeben, den wir seit der Geburt unseres zweiten Sohnes in der Nachbarschaft gepachtet hatten. Achtzehn Jahre hatten wir ihn und ich wollte ihn in einem „ordentlichen“ Zustand abgeben. Also füllte ich einen ganzen Nachmittag lang den gesamten Kompost in ein großes Loch in der Erde, das sogenannte China-Loch. Den Garten hatte ich damals gepachtet, weil ich meinen Söhnen zumindest annähernd das bieten wollte, was ich als Kind so sehr genossen hatte. Wenn sie schon in einem städtischen Umfeld großwerden sollten, dann doch bitte mit einem Stückchen Wildheit und einer großen Portion Freiheit. Die Rechnung ging auf, unser Garten war lange Zeit der Hit. Es gab einen Bauwagen, eine Feuerstelle, ein Baumhaus, eine Hängematte und jede Menge Platz zum Fußballspielen. Zu Kindergeburtstagen wurden Schätze ausgegraben oder Pfeile und Bögen geschnitzt. Alles schöne Angebote, aber ich behaupte mal, die wertvollste Zeit, die meine Kinder dort verbrachten, war die Zeit ohne Aufsicht.

Keine Kontrolle, keine Verbote, keine gutgemeinten Erwachsenen-Ratschläge, kein Plan

Natürlich haben sie sich beim Feuermachen die Finger verbrannt. Mein Ältester hat heute noch eine Narbe an der Hand, die er sich beim Fällen einer Weide mit einem Beil zugezogen hat. Da war er zwölf. Kann passieren.

Eines Tages, sie waren etwa sieben und neun Jahre alt, zogen sie mit dem Bollerwagen voller Spaten, Schaufeln und Bauarbeiterhandschuhe los. Sie wollten ein Loch ausheben und sich bis nach China durchgraben. Tagelang waren sie beschäftigt, niemand kommentierte ihr Vorhaben, das Loch wurde tiefer und tiefer. Da besaßen sie schon lange ein Kinder-Sachbuch über den Aufbau der Erde und hatten auch eine gute Vorstellung von Entfernungen. Im Grunde war ihnen klar, dass sie niemals in China auskommen würden. Aber sie buddelten weiter. Sie wollten dieses Loch graben. Vielleicht hofften sie einen Schatz zu finden, oder sie wollten sehen, wie tief man kommt. Vielleicht ging es ihnen aber auch um den körperlichen Einsatz oder die Erfahrung, gemeinsam mit dem Bruder ein solches Projekt durchzuziehen. Entscheidend ist, sie hörten erst damit auf, als sie keine Lust mehr hatten. Es war ihr eigener Entschluss. Später, sehr viel später, lachten meine Söhne über sich selbst und verstanden nicht mehr, was sie da wohl geritten hatte. Aber ein kleines bisschen wurde der tiefe Krater in unserem Garten auch ein Sinnbild dafür, dass man manchmal Dinge tun muss, die für andere keinen Sinn ergeben.

Freiheit trotz Betreuung?

Und jetzt stellt euch bitte die Situation heute mal vor. Zwei Kinder kommen mit Bollerwagen und Grabgerät in die Schule und haben die Absicht, am Nachmittag während der OGS-Zeit über mehrere Tage hinweg ein tiefes Loch ausheben. Malt es euch genau aus, die Kinder mit den Schaufeln, die Suche nach dem passenden Fleckchen Erde, die Reaktionen der Lehrerinnen, der Erzieherinnen, des Hausmeisters. Na, habt ihr’s?

Genau! Das ist das Problem. Diese Kinder sind nie unbeaufsichtigt, ja, wir würden uns doch sehr wundern, wenn sie es wären. Schließlich geht es bei einer OGS genau darum, nämlich, dass die Kinder betreut sind. Eltern würden sich sofort über mangelnde Aufsicht beschweren. Oder über die Gefahr, die von einem solchen Loch ausgehen kann. Spielende Kinder könnten hineinstürzen. Ist das schon fahrlässig? Würde die Versicherung einen solchen Unfall noch abdecken? Und wer macht das Loch später wieder weg? Wichtige Fragen, ohne Zweifel. Hinzu kommt: Die Schule hat ein qualitativ hochwertiges Angebot für die OGS-Zeit versprochen, das soll natürlich auch genutzt werden. Sinnfreies Buddeln von Löchern gehört nicht dazu. Der stille Rückzug mit einem Buch auch nicht. Vielleicht müssen wir aber gerade da umdenken.

10 comments

  1. Susanne Ruitenberg says:

    Das sinnfreie Loch erinnert mich an die vielen Zweighütten, die wir in der Streuobstwiese bauten. Die – je nach Stimmung – Raumschiff, Räuberhöhle, Wild Wild West, Schatzinsel, Piratenschiff und wer weiß was noch waren. An ganze Nachmittage in dem riesigen Birnbaum. An Umbaumaßnahmen von Pfützen zu interessanten Landschaften. Und ja, auch stundenlanges herumliegen mit Asterixheften und Büchern war Teil meiner Kindheit. Manchmal fuhren wir mit Rollschuhen oder Fahrrädern kreuz und quer durch die Gegend. Wenn es dunkel war, kamen wir heim. Wenn wir bei irgendwem einkehrten, riefen wir an. Aber nur dann, denn Handys gab es nicht.

    • Andrea Rings says:

      Das hört sich nach einer sehr freien Kindheit an, Susanne. Handys sind auch ein gutes Stichwort zum Thema. Zum einen geben sie die Sicherheit, dass man als Eltern immer mal nachhören kann, ob alles in Ordnung ist. Zum anderen sind die Kinder nie auf sich gestellt, wenn es mal kleinere Probleme gibt. Sie müssen also nie selbst nach Lösungen suchen, können immer Hilfe rufen. Und wenn es mal langweilig wird, muss man sich nichts einfallen lassen, sondern kann sich einfach ein Video anschauen. In gewisser Weise schränken sie also die Freiheit, Kreativität und Eigenständigkeit der Kinder ein. Mir ist schon klar, dass man das Rad nicht zurückdrehen kann, aber man kann sich diese Dinge bewusst machen und immerhin Zeitfenster für freies Spiel schaffen. Im Idealfall ohne Handys.

  2. Sabine says:

    Liebe Andrea,
    ein wirklich schöner Artikel mit sehr nachvollziehbaren Argumenten; aufgrund der Generation gehörte auch ich zu den glücklichen freien Kindern mit großem Garten und regelmäßigem „Auslauf“ auf der Straße und im Broich. Rückblickend kann ich mir das gar nicht anders vorstellen!
    Ich nehme an, dass einige der Angebote durch die Jahre zustande kamen, weil die „Wildheit“ der Kinder eine andere, zunehmend Verwahrlosung sichtbar wurde. Trauriger Fall, wer eine „Ersatzfamilie“ braucht, aber auf der anderen Seite gut, dass es Angebote gibt! Ich bin ein großer Verfechter von Freiwilligkeit und hoffe, dass die meisten Lehrpersonen auseinanderhalten können, welche Eltern sie mit ihrer Entscheidung „in Ruhe lassen“ können und in welchen Familien Unterstützung angebracht wäre und gut ankommen würde… Zwang zum einen oder anderen geht gar nicht!
    Herzliche Grüße,
    Sabine

    • Andrea Rings says:

      Ich danke dir, Sabine. Für den Kommentar und fürs Kompliment. Leider war der Zwang damals sogar gesetzlich vorgeschrieben. Familien, die an der OGS (oder damals OGATA) teilnahmen, verpflichteten sich, die Kinder täglich bis 15:00 Uhr in der Betreuung zu lassen und mindestens für zwei Nachmittagsangebote je Woche anzumelden. Es gab nur frei, wenn Kinder nachweislich medizinisch notwenige Termine hatten. Erst vor wenigen Wochen habe ich der Zeitung entnommen, dass diese Regelungen jetzt gelockert werden, so dass die Betreuungspersonen jetzt überhaupt erst solche Entscheidungen treffen können. Ich finde es auch gut, wenn es Angebote gibt, aber ich möchte den Blick auch dafür schärfen, dass Kinder oft aus sich selbst heraus spielen oder sich still zurückziehen. Wir sollten das zulassen und die Gelegenheiten dafür schaffen, nicht nur als einzelne Erwachsene, sondern als Gesellschaft.
      Herzliche Grüße, Andrea

  3. W. Bönisch says:

    Sehr schön geschrieben. Jedoch gibt es viele Familien, in denen beide (fast) Vollzeit arbeiten müssen, dann ist eine Horfbetreuung notwendig. Zudem gibt es in Großstädten durch Verkehr viel mehr reale Gefahren. Was jedoch meiner Meinung nicht sein muß, sind unzählige Kurse am Nachmittag. Freispiel ist so wertvoll.

  4. Heike Stepprath says:

    Liebe Andrea,
    das ist wirklich ein schönes Idyll, das du da beschreibst. Meine Eltern haben mir auch immer nur auf den Weg mitgegeben, dass ich nicht mit fremden Männern mitgehen solle (die Frau als Täterin kam offenbar nicht in Betracht). Ich weiß auch gar nicht, wie oft ich mir das für meine Kinder gewünscht habe. Stattdessen wohnten wir am Stadtrand (Garten, vielmehr Privatspielplatz war vorhanden) und die alleinerziehende Mutter meiner Kinder kämpfte für Nachmittagsgruppen im Kindergarten und später eben auch für die verlässliche Grundschule. Der Grund dafür ist denkbar einfach: als einzige Erwachsene in einem Haushalt musste ich irgendwie das Geld verdienen, das die monatlichen Verpflichtungen bezahlte. Meine Kinder sollten trotzdem eine warme Mahlzeit zum üblichen Zeitpunkt bekommen, wenn ich 25 Kilometer fern von ihnen eine kurze Mittagspause hatte.

    Die Betreuungen habe allerdings danach ausgewählt, wieviel Aktionismus den Kindern zugestanden wurde. Es wurde in die Waldwoche gegangen, genauso wie an heißen Sommertagen irgendwas mit Wasser vorhanden war. In den Städten gibt es eine Variation von Angeboten und auch für engagierte Eltern bieten sich immer mehr Möglichkeiten. Dafür habe ich nach Feierabend dafür gesorgt, dass meine Kinder ein Seepferdchen machten und die gröbsten Pannen eigenständig vermeiden konnten. Sie wussten im Grundschulalter schon, wieso sie so eine Packung mit einem roten Kreuz drauf mit im Ranzen hatten (klar, einen ganzen Tag weg von zu Hause, passiert ja auch mal was mit aufgeschürfter Haut). Ich bin mir sicher, sie haben mehr „ausprobiert“ als ich von der Schulleitung angerufen wurde.

    Spielerunden mit dem verrückten Labyrinth und das ruhige Lesen haben wir als Abendritual gehabt, weil der Bewegungsdrang ja schon gedeckt war. Ich war dann immer erleichtert, dass ich mich weniger um die lästigen und mehr um die schönen Dinge im Kinderalter kümmern konnte. Ich glaube, es ist alles eine Sache der Organisation und eben die Möglichkeit, Dinge auch entgegen des gewohnten Stroms zu nutzen. Spielplätze und ein Streichelzoo sind auch vormittags spannend, wenn es nur nachmittags Kindergartenplätze gibt. Meine Kinder konnten in einer Wolfsburger Ganztagsschule zwischen 40 AGs wählen. Die Schule hat mir also nicht nur den Musikunterricht abgenommen, sondern auch gleich noch den Tennisverein und das Surfequipment. Ich weiß, dass das nicht zum Standard deutscher Schulen gehört, aber als gutes Beispiel will ich es doch erwähnen.

    Einzig die zeitliche Einschränkung bleibt. Die hätten sie zu Hause nicht gehabt, sondern hätten nach Lust und Laune das gemacht, was gerade im Sinn gewesen wäre. Ich möchte aber nicht abstreiten, dass das dann vielleicht mit der Chipstüte vor dem Computer gewesen wäre.

    • Andrea Rings says:

      Liebe Heike, ich weiß, dass heutige Betreuungsangebote eine große Errungenschaft sind, die es vielen Alleinerziehenden und vielen Doppel(Vollzeit)verdienern erst ermöglichen, ihrer Arbeit nachzugehen. Und es gibt auch ganz viele tolle Angebote. Mir geht es vor allem darum, den Blick dafür zu schärfen, wie wichtig es ist, wenn Kinder auch mal ganz frei spielen dürfen und nicht ständig einer Kontrolle unterworfen sind. Oder wenn sie mal das Bedürfnis haben, etwas zu tun, was in den Augen der Erwachsenen keinen Sinn hat. Oder wenn sie sich still zurückziehen und gar nichts tun. Für mich hat auch das einen Wert.
      Herzliche Grüße
      Andrea

  5. Liebe Andrea,

    einen schönen Text hast Du geschrieben – und auch die Fotos gefallen mir gut. Zunächst dachte ich daran, Deinen Beitrag auf unserer Hey!Rheydt Seite zu teilen, aber dann wurde mir doch klar, dass es heute auch ein Luxus ist, seine Kinder nicht in die Betreuung geben zu müssen. So nahm ich in diesem Zusammenhang davon Abstand. (Kennst Du eigentlich schon unser Projekt?)

    Ich beglückwünsche Deine Jungs zu der schönen Zeit im Schrebergarten – sie werden es sicher ewig zu schätzen wissen…!

    Herzlichen Gruß
    Anja
    Sprecherin Hey!Rheydt

    • Andrea Rings says:

      Liebe Anja,

      nein, das Projekt kannte ich noch nicht. Wie schön, es auf diesem Wege kennenzulernen. Ich war gleich mal auf der Seite und bin sehr begeistert. Deine Aussage „Der öffentliche Raum gehört uns allen…“ kann ich zu 100 % unterstützen.

      Ich weiß gar nicht, ob es ein Luxus ist, seine Kinder nicht in die Betreuung geben zu müssen. Ich glaube, eine Bewertung ist immer abhängig von der Gesamtsituation der Familie, den Bedürfnissen der Kinder und den zur Verfügung stehenden Betreuungsangeboten. Tatsache ist, dass sich die gesellschaftliche Situation in recht kurzer Zeit sehr geändert hat und die Kinder heute überwiegend in einer Betreuung sind. Was ja auch für viele Familien große Vorteile hat. Ich finde es aber wichtig, darauf hinzuweisen, wie notwendig auch freies, unbeaufsichtigtes Spiel und Rückzug für die Selbstentfaltung der Kinder sind. Wir neigen eher dazu, eine Betreuung als gut anzusehen, die möglichst viel bietet. Vielleicht ist aber weniger mehr. Und vielleicht sind Leseräume oder allgemein Rückzugsräume in den Schulen eine gute Idee.

      Den öffentlichen Raum kindertauglich zu gestalten, ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Daumen hoch für Hey!Rheydt.

      Herzliche Grüße
      Andrea

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